World Public Opinion
DIE OEFFENTLICHE MEINUNG

REPRÄSENTATIV

BÜRGERNAH

In Memoriam Pierre Bourdieu:

"Die Zeiten sind nicht witzig!"


Pierre Bourdieu


Aufruf gegen die Politik der Entpolitisierung
All das, was man unter dem deskriptiven und zugleich normativen Begriff der «Globalisierung» fasst, ist keineswegs das Ergebnis zwangsläufiger ökonomischer Entwicklungen, sondern einer ausgeklügelten und bewusst ins Werk gesetzten, sich ihrer verheerenden Folgen allerdings kaum bewussten Politik.
Diese Politik, die sich schamlos eines Vokabulars der Freiheit, des Liberalismus, der Liberalisierung, der Deregulierung bedient, ist in Wirklichkeit eine Politik der Entpolitisierung und zielt paradoxerweise darauf ab, die Kräfte der Ökonomie von all ihren Fesseln zu befreien, ihnen dadurch einen fatalen Einfluss einzuräumen und die Regierungen ebenso wie die Bürger den derart von ihren Fesseln «befreiten» Gesetzen der Ökonomie zu unterwerfen. Es ist vor allem die in den Sitzungen der grossen internationalen Organisationen, wie der WTO oder der Europäischen Kommission, innerhalb all der «Netzwerke» multinationaler Unternehmen entwickelte Politik, die sich auf den verschiedensten Wegen – und das sind in erster Linie juristische – bei den liberalen oder gar sozialdemokratischen Regierungen einer ganzen Reihe von wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern durchgesetzt hat, was dazu führte, dass diese ihre frühere Kontrolle über die Kräfte der Ökonomie Schritt für Schritt aufgegeben haben.
Gegen diese Politik der Entpolitisierung gilt es nun, der Politik, politischem Denken und Handeln wieder ihren rechtmässigen Platz einzuräumen und für dieses Handeln einen geeigneten Ansatzpunkt zu finden, der heute jenseits der Grenzen des Nationalstaats liegt, sowie die dazu erforderlichen Mittel, die sich nicht mehr auf die politischen und gewerkschaftlichen Kämpfe innerhalb des nationalstaatlichen Rahmens beschränken können. Zugegebenermassen ist ein solches Unternehmen aus verschiedenen Gründen nur sehr schwer umzusetzen: zunächst, weil die politischen Instanzen, die es zu bekämpfen gilt, nicht nur in einem geografischen Sinne weit entfernt sind und ihre Methoden oder Akteure kaum mehr denen jener politischen Instanzen ähneln, mit denen man es in den früheren Kämpfen zu tun hatte; ferner weil die Macht der Akteure und Institutionen, die heutzutage die Herrschaft über Wirtschaft und Gesellschaft haben, auf einer ausserordentlichen Konzentration sämtlicher Arten von (wirtschaftlichem, politischem, militärischem, kulturellem, wissenschaftlichem, technologischem) Kapital beruht. Diese Kapitalkonzentration bildet die Grundlage einer noch nie zuvor dagewesenen symbolischen Herrschaft, die vor allem über die Medien ausgeübt wird, wobei diese selbst und oft unwissentlich von den grossen internationalen Kommunikationsagenturen sowie durch die Logik der sie zu Gegenspielern machenden Konkurrenz manipuliert werden.
Hinzu kommt noch, dass bestimmte Ziele eines wirkungsvollen politischen Handelns auf europäischer Ebene angesiedelt sind – zumindest insoweit europäische Unternehmen und Organisationen ein bestimmendes Element der herrschenden Kräfte im globalen Massstab geworden sind. Für all jene, die den herrschenden Kräften des Marktes wirkungsvoll entgegentreten wollen, muss ein vernünftiges Ziel also zweifelsfrei darin bestehen, eine europaweite und vereinte soziale Bewegung aufzubauen, die imstande ist, die unterschiedlichsten, gegenwärtig noch gespaltenen Bewegungen sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene zu sammeln.

Eine offene Koordination
So unterschiedlich diese sozialen Bewegungen aufgrund ihrer jeweiligen Ursprünge, Anliegen und Ziele auch sein mögen, besitzen sie doch eine ganze Reihe gemeinsamer Züge, die sie zu einer Art «Verwandten» machen. Da viele von ihnen vor allem aus der Ablehnung traditioneller Formen der politischen Mobilisierung – insbesondere jener Mobilisierungsformen, die in der Tradition der Parteien sowjetischen Typs stehen – hervorgegangen sind, ist diesen Bewegungen zuallererst eine ausgeprägte Abneigung gegen jedwede Monopolisierung durch kleine Minderheiten gemeinsam. Sie beruhen im Gegenteil auf einer unmittelbaren Einbindung aller Mitwirkenden (was ihnen aufgrund des Auftretens eines neuartigen Typus von Anführern möglich ist, die mit einer im Vergleich zu den traditionellen Verantwortlichen höheren politischen Kultur ausgerüstet sind). In dieser Hinsicht stehen sie der freiheitlich-libertären Tradition nahe, ziehen selbst verwaltete, wendige und schlagkräftige Organisationsformen vor, die den Beteiligten die Möglichkeit eröffnen, wieder als aktive Subjekte ins Geschehen einzugreifen – vor allen Dingen gegen die Parteien, deren Monopol auf politisches Handeln sie in Frage stellen. Ein weiterer gemeinsamer Zug besteht darin, dass sie hinsichtlich der Ziele und Mittel originelle Aktionsformen mit stark symbolischem Gehalt erfinden. Sie richten sich auf genau bestimmte, greifbare und für das gesellschaftliche Leben bedeutsame Ziele (Wohnung, Arbeit, Gesundheit, die Belange der Sans-Papiers usw.), für die sie praktische und direkt umsetzbare Lösungen anbieten; und sie achten darauf, dass ihre Vorschläge wie auch ihr Widerstand in exemplarischen Aktionen konkrete Formen annehmen, die direkt auf das jeweilige Problem bezogen sind und ein ausgeprägtes persönliches Engagement seitens der Beteiligten und Verantwortlichen erfordern. Letztere haben dank einer genauen Kenntnis der Funktionsweise der Medien zum Grossteil eine Meisterschaft darin entwickelt, wie man ein Ereignis «produziert«, ein Anliegen dramatisiert, um dadurch den Blick der Medien – und über diesen Umweg auch den der Politik – darauf zu ziehen. Das bedeutet keineswegs, dass diese Bewegungen nur Artefakte sind, inszeniert von einer sich auf die Medien stützenden Minderheit. In Wirklichkeit ist ein realistischer Umgang mit den Medien mit einem Engagement verknüpft, das lange Zeit am Rande der «traditionellen» Bewegungen, etwa der Parteien oder Gewerkschaften, geleistet wurde, manchmal gar von einer selbst wiederum marginalen und in der Minderheit befindlichen Fraktion dieser Bewegungen unterstützt, und das bei bestimmten Gelegenheiten an Sichtbarkeit gewinnen konnte, was zumindest kurzfristig seine soziale Basis erweitert hat. Die bemerkenswerteste Tatsache ist jedoch darin zu sehen, dass diese neuen sozialen Bewegungen von Anfang an einen internationalen Charakter hatten, was teilweise einfach daran lag, dass sie sich gegenseitig zum Vorbild nahmen, teilweise aber auch, dass es, wie etwa im Fall der Wohnungskämpfe, zeitgleich in verschiedenen Ländern zur Erfindung ähnlicher Aktionsformen kam. (Bleibt noch anzumerken, dass die Besonderheit der neuen Kampfformen darin besteht, dass sie einiges an Auftrieb durch die Öffentlichkeit erhalten, die ihnen, manchmal wider Willen, von den Medien verschafft wird: Die Anzahl der Demonstranten ist weniger wichtig als das durch eine Demonstration oder irgendeine Aktion, etwa einen gut platzierten Zeitungsartikel, ausgelöste Echo in den Medien und der Politik. Die von den Medien verschaffte Aufmerksamkeit ist jedoch per definitionem nur verkürzend und häufig einseitig, vor allem aber von nur kurzer Dauer. Man interviewt die Wortführer, sendet ein paar aufrüttelnde Reportagen, aber die Forderungen der Bewegungen werden in den öffentlichen Debatten selten ernst genommen, vor allem aufgrund des eingeschränkten Verständnisses und der Grenzen der medienmässigen Vermittlung. Es ist daher unerlässlich, dauerhaft und unabhängig von den Gelegenheiten, die sich in den Medien bieten, engagiert zu arbeiten und den damit einhergehenden theoretischen Aufwand nicht zu scheuen.)
Eine dritte Gemeinsamkeit: All diese Bewegungen lehnen die neoliberale Politik ab, die willfährig den Zielen der multinationalen Grossunternehmen zur Durchsetzung verhilft. Und ein viertes gemeinsames Merkmal besteht schliesslich darin, dass sie mehr oder weniger international und internationalistisch sind. Das zeigt sich
vor allem am Beispiel der Arbeitslosenbewegung oder auch der Bewegung, die von der Confédération paysanne (dem Landwirtebund) und José Bové initiiert wurde. Dort lässt sich eine Sensitivität für die französischen Kleinbauern und ein Wille zu ihrer Verteidigung beobachten, der zugleich aber auch die besitzlosen Landwirte Lateinamerikas mit einschliesst. All diese Bewegungen sind partikularistisch und internationalistisch zugleich. Sie verteidigen Europa nicht isoliert wie eine Insel, sondern über den Umweg Europa eine bestimmte Art der sozialen Einrahmung der Ökonomie, was freilich in enger Verbindung mit anderen Ländern geschehen muss (beispielsweise mit Korea, wo es viele Menschen gibt, die grosse Erwartungen auf eine kontinenteübergreifende Solidarität setzen). Eine letzte sie auszeichnende Gemeinsamkeit besteht in ihrer solidarischen Haltung, die eine Art unausgesprochener Grundsatz der meisten ihrer Kämpfe bildet und die sie in ihren Aktionen (zugunsten aller mit dem Zusatz «-lose» bezeichneten Gruppen: Obdachlose, Arbeitslose etc.) wie auch durch die von ihnen gewählte Organisationsform umzusetzen bemüht sind.
Die Feststellung einer solchen Nähe hinsichtlich der Mittel und Ziele ihres politischen Kampfes erfordert keine Vereinigung der überall verstreut tätigen Gruppen. Obgleich dies gerade von den über solche Übereinstimmungen und Überschneidungen überraschten jungen Aktivisten häufig gefordert wird, wäre das zweifelsohne weder machbar noch erstrebenswert. Erforderlich wäre jedoch eine Koordination der Forderungen und des Vorgehens, ohne dass damit irgendwelche Vereinnahmungsabsichten verbunden wären. Diese Koordination müsste die Form eines Netzwerks annehmen, in dem sich Einzelne und Gruppen zusammenschliessen könnten, ohne dass irgendwer die Möglichkeit hätte, die anderen zu beherrschen oder einzuschränken, und in dem der gesamte Reichtum an unterschiedlichen Erfahrungen, Sichtweisen und Programmen gewahrt bliebe. Ihm käme vor allem die Aufgabe zu, die noch zersplittert agierenden sozialen Bewegungen aus ihren zeit- und ortsgebundenen Partikularismen zu reissen und ihnen vor allem dabei zu helfen, das Hin und Her zwischen Zeiten intensiver Mobilisierung und Zeiten einer latenten oder verlangsamten Existenz zu überwinden, ohne dabei bürokratischer Konzentration Raum zu geben.
Gegenwärtig existieren bereits viele Zusammenschlüsse, eine Menge gemeinsamer Unternehmungen, die jedoch in den einzelnen Ländern, besonders aber über Ländergrenzen hinweg noch äusserst verstreut und unverbunden nebeneinander existieren. So gibt es etwa in jedem Land zahlreiche Tages- oder Wochenblätter und kritische Zeitschriften – das Angebot des Internets einmal beiseite gelassen –, die voller Analysen, Vorschläge und Anregungen für die Zukunft Europas und der Welt stecken, doch all diese Arbeit findet sich nur weit verstreut, niemand liest all das. Diejenigen, die diese Arbeiten produzieren, stehen oft miteinander in Konkurrenz, sie kritisieren sich gegenseitig, obwohl ihre Beiträge sich doch ergänzen und aufeinander aufbauen könnten. Die Herrschenden reisen umher, sie haben Geld, sprechen viele Sprachen, fühlen sich aufgrund ihrer kulturellen Vorlieben und ihres Lebensstils verbunden. Auf der Gegenseite finden sich hier und da verstreut Leute, die durch sprachliche oder soziale Barrieren voneinander getrennt sind. All diese Menschen zusammenzubringen, ist in höchstem Masse nötig und schwierig zugleich. Viele Hindernisse stellen sich in den Weg. Tatsächlich sind ja eine Menge fortschrittlicher Kräfte, Strukturen des Widerstands, angefangen bei den Gewerkschaften, an den Nationalstaat gebunden. Die Leute sind es gewöhnt, ihre Kämpfe auf nationaler Ebene auszufechten. Das Problem besteht nun darin, wie es den neuartigen transnationalen Mobilisierungsstrukturen gelingen könnte, die traditionellen, nationalen Strukturen mitzuziehen. Auf jeden Fall muss sich die soziale Bewegung auf den Staat stützen – freilich, indem sie den Staat zugleich verändert – und sie muss sich auf die Gewerkschaften stützen – freilich, indem sie auch sie verändert, was eine enorme, zu einem grossen Teil intellektuelle Arbeit erfordert. Eine Aufgabe der Wissenschaftler könnte (idealerweise) darin bestehen, für die soziale Bewegung die Rolle von Ratgebern in Sachen Organisation zu spielen, indem sie den verschiedenen Gruppen bei der Überwindung ihrer Unstimmigkeiten helfen.
Anm.: Die breite Masse ist es in keinster Weise gewohnt irgendeinen Kampf auf nationalstaatlicher Ebene auszufechten. Eine echte soziale Bewegung gibt es nicht und wenn es sie gäbe, dann könnte sie sich nicht auf den Nationalstaat stützen, weil es den gar nicht mehr gibt. Der deutsche Nationalstaat ist bereits transformiert unter das Dach der neuen Weltordnung des privaten Kapitals, ohne Volkssouverän, ohne eigene Währung und ohne nationalstaatliche Verfassung. Die deutschen Parlamentarier, die Parteien und Gewerkschaften sowie die großen Nichtregierungsorganisationen sind Erfüllungsgehilfen der Globalisierer. Das gesamtgesellschaftliche Koma, ein gewaltiges Bildungsdefizit und ein völlig fehlendes Bewußtsein für die Missstände bieten Wissenschaftlern keinen Ansatzpunkt, sozialen Gruppen bei der Überwindung von Unstimmigkeiten zu helfen, selbst wenn es solche Wissenschaftler gäbe.

Flexibel und nachhaltig zugleich müsste diese Organisation dann zwei verschiedene Vorhaben in Angriff nehmen: Zum einen müsste sie bei jeweils kurzfristig anberaumten und auf die jeweiligen Umstände bezogenen Treffen aufeinander abgestimmte und auf greifbare Ziele gerichtete Aktionen vorbereiten; zum anderen während regelmässiger Zusammenkünfte der Vertreter aller betroffenen Gruppen allgemein bedeutsame Fragen zur Diskussion stellen und gemeinsam an langfristigen Zielsetzungen arbeiten. Es käme hier freilich darauf an, im Überschneidungsbereich der Betätigungsfelder der einzelnen Gruppen allgemeine Ziele auszumachen und zu entwickeln, bei deren Verwirklichung alle mitwirken und dazu ihre jeweiligen Möglichkeiten und Mittel beisteuern könnten. Man darf getrost hoffen, dass sich aus dieser demokratischen Begegnung einer Vielzahl von Menschen und Gruppen, die einige wesentliche Vorstellungen und Überzeugungen teilen, allmählich ein Bündel von kohärenten und sinnvollen Antworten auf jene grundlegenden Fragen ergibt, für die weder die Gewerkschaften noch die Parteien globale Lösungen anbieten können.
Anm.: Das Kapital, die Hochfinanz und der Hochadel, werden mit ihrer organisierten Finanz- und Wirtschaftskrise soziale Notlagen schaffen, die jeden Einzelnen zu einem rücksichtslosen Existenzkampf zwingen und die Medien werden alle Medienpsychologie in versteckten Hetzkampagnen einsetzen, um Solidarität einzelner Gruppen oder gar der breiten Masse zu verhindern. Selbst wenn es gelänge soziale Gruppen unter einen Hut zu bringen und wenn es tatsächlich gelänge Strukturen des Widerstandes aufzubauen - auf was würde das hinauslaufen?
Es würde auf eine Konfrontation hinauslaufen. Die Konfrontation der Unterschichten mit der Hochfinanz und dem Hochadel - oder die Konfrontation der sozialen Bewegung(en) mit dem Kapital - ist unausweichlich. Die Frage ist eigentlich nur, wie friedlich oder wie gewalttätig diese Konfrontation abläuft und welches (nationale/internationale) Ausmaß sie annimmt.


Die Erneuerung der Gewerkschaften
Eine europäische soziale Bewegung ist natürlich kaum denkbar ohne die Beteiligung einer reformierten Gewerkschaftsbewegung, vorausgesetzt allerdings, sie überwindet die äusseren und inneren Hürden, die ihrem Erstarken und ihrer Einigung auf europäischer Ebene im Wege stehen. Es ist nur dem Anschein nach paradox, den Niedergang der Gewerkschaftsbewegung für eine mittelbare und zeitlich verzögerte Folge ihres Triumphes zu halten. Viele Forderungen, die hinter den gewerkschaftlichen Kämpfen standen, sind zu Institutionen geworden, die nun, als sozialstaatliche Rechtsbestände, Stoff für Auseinandersetzungen zwischen den Gewerkschaften selbst bilden. Als parastaatliche, oft vom Staat selbst finanzierte Instanzen wirken die Gewerkschaftsbürokratien an der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums mit, sie sichern durch die Vermeidung von Konfrontationen den sozialen Kompromiss. Es kommt immer wieder vor, dass die Verantwortlichen in den Gewerkschaftszentralen zu reinen Verwaltern mutieren, weit entfernt von den Sorgen und Nöten ihrer Mandanten. Dann kann es geschehen, dass sie die Logik der Konkurrenz zwischen den Apparaten oder innerhalb der Apparate dazu verführt, die eigenen Interessen eher zu verteidigen als die Interessen derer, die sie eigentlich vertreten sollten. Dies hat zu einem nicht geringen Teil dazu beigetragen, dass sich die Beschäftigten von den Gewerkschaften abgewandt haben und sogar den Gewerkschaftsmitgliedern eine aktive Mitgestaltung in der Organisation verleidet wurde.
Freilich können diese Entwicklungen im Innern alleine nicht erklären, dass wir es mit einer sinkenden Zahl von Gewerkschaftsmitgliedern zu tun haben, die noch dazu immer weniger aktiv sind. Die neoliberale Politik trägt auch hier ihren Teil zur Schwächung der Gewerkschaften bei. Die «Flexibilisierung» und vor allem die Prekarisierung einer wachsenden Zahl von Beschäftigungsverhältnissen und der daraus sich ergebende Wandel der Arbeitsbedingungen und Arbeitsanforderungen bewirken, dass ein gemeinsames Vorgehen und selbst die einfache Informationsarbeit immer schwieriger werden, während die Reste der sozialen Sicherung einen Teil der Beschäftigten weiterhin schützen. Dies hält vor Augen, wie unerlässlich, aber auch schwierig eine Reform gewerkschaftlicher Arbeit ist, eine Reform, die eigentlich Ämterrotation und eine Infragestellung des Modells der uneingeschränkten Delegation ebenso voraussetzte wie die Erfindung neuartiger Techniken zur Mobilisierung der ungesicherten und randständigen Beschäftigten.
Die völlig neuartige Organisation, auf deren Schaffung es hier ankäme, müsste also imstande sein, die Zersplitterung nach unterschiedlichen Zielen und nationalen Zugehörigkeiten sowie die Teilung in Gewerkschaften und «Bewegungen» zu überwinden. Dabei müsste darauf geachtet werden, dass man der Gefahr der Monopolisierung entgeht, die über all diesen sozialen wie gewerkschaftlichen Bewegungen schwebt, aber auch der Erstarrung aufgrund einer beinahe schon neurotischen Furcht vor dieser Gefahr. Der Aufbau eines dichten und schlagkräftig arbeitenden internationalen Netzwerks von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, die durch gegenseitigen Austausch in Konzertierungs- und Diskussionsforen, wie etwa den «Generalständen der europäischen Sozialbewegung» (Etats généraux du mouvement social européen), neue Anstösse erhielten, würde ein mit bestimmten Forderungen auftretendes internationales Vorgehen möglich machen, das nichts mehr gemein hätte mit der Arbeit der offiziellen Institutionen, in denen manche Gewerkschaften ja vertreten sind (wie im Europäischen Gewerkschaftsbund), ein Vorgehen, das auch die Aktionen all jener Bewegungen einbezöge, die pausenlos mit neuen, spezifischen Situationen konfrontiert sind und deren Arbeit dadurch gewisse Grenzen auferlegt sind.
Anm.: Um hier etwas zu erreichen müssten zunächst sämtliche korrupten Funktionseliten aus den Gewerkschaften rigoros entfernt werden.
Wie das klappen soll ist mir ein Rätsel.

Wissenschaftler und Aktivisten
Zur Überwindung der Spaltungen zwischen den sozialen Bewegungen und zur Sammlung aller verfügbaren Kräfte gegen die ihrerseits bewusst und fein aufeinander abgestimmten herrschenden Kräfte ist eine Arbeit vonnöten, die sich auch auf die Überwindung einer weiteren, ebenso unheilvollen Spaltung richten muss, nämlich diejenige zwischen Wissenschaftlern und in den sozialen Bewegungen engagierten Menschen. Angesichts des gegenwärtigen Standes der ökonomischen und politischen Kräfteverhältnisse, der die Mächte der Ökonomie in die Lage versetzt, in einer noch nie da gewesenen Weise und in bisher unbekanntem Ausmass wissenschaftliche, technische und kulturelle Ressourcen in ihren Dienst zu stellen, kommt der Forschungsarbeit grösste Bedeutung zu, gerade um solche Strategien aufzudecken und auseinanderzunehmen, die von multinationalen Unternehmen und internationalen Organisationen erarbeitet und umgesetzt werden – Organisationen, die wie die WTO universell gültige Regeln beschliessen und durchsetzen, durch die eine neoliberale Utopie allgemeiner Deregulierung zunehmend Wirklichkeit zu werden droht. Die gesellschaftlichen Hürden für einen solchen Schulterschluss zwischen Forschern und Aktivisten sind nicht weniger hoch als die, welche zwischen verschiedenen Bewegungen oder zwischen ihnen und den Gewerkschaften stehen. Trotz ihrer oft unterschiedlichen Ausbildung und meist ganz anderem sozialem Werdegang müssen Forscher, die sich aktiv in einer Bewegung engagieren, und Aktivisten, die an einer Forschung mitwirken, lernen, miteinander zu arbeiten und alle Vorbehalte abzulegen, die sie möglicherweise den anderen gegenüber hegen. Sie müssen sich vieler Routine und Vorannahmen entledigen, die mit der Zugehörigkeit zu ganz unterschiedlichen Welten – jede mit ihrer eigenen Logik und eigenen Gesetzen – einhergehen, und das kann nur mit Hilfe neuartiger Formen der Kommunikation und Diskussion vonstatten gehen. Auch dies ist eine der Voraussetzungen dafür, dass es zur kollektiven Erfindung eines durch die kritische Konfrontation der jeweiligen Erfahrungen und Kompetenzen aufeinander abgestimmten Bündels von Antworten kommen kann, die ihre politische Überzeugungskraft dem Umstand verdanken, dass sie zugleich systematisch sowie in gemeinsamen Wünschen und Überzeugungen verankert sind.
Den zugleich ökonomischen und intellektuellen Kräften und ihrer Armeen von Consultants, Experten und Juristen wird einzig und allein eine europäische soziale Bewegung etwas entgegensetzen können, die sich der in den unterschiedlichen Organisationen der verschiedensten Länder versammelten Kräfte sowie der bei Treffen wie den «Generalständen» gemeinsam erarbeiteten Informations- und Kritikinstrumente versichern kann. Nur eine solche soziale Bewegung wird auch in der Lage sein, an die Stelle jener allein dem Gebot kurzfristiger Profitmaximierung gehorchenden und zynisch durchgesetzten Vorgaben die in wirtschaftlicher wie auch politischer Hinsicht demokratischen Ziele eines mit ausreichend politischen, juristischen und finanziellen Mitteln ausgestatteten europäischen Sozialstaats zu stellen, um der rohen und brutalen Kraft engstirniger ökonomischer Interessen Einhalt gebieten zu können.
Anm.: Die Masse an Soldaten, Söldnern, Polizisten und nationalstaatlichen Ordnungshütern rekrutiert aus bildungsfernen Unterschichten, die in keinster Weise Weltwirtschaft und geostrategische Weltpolitik verstehen. Sie haben von der Umstrukturierung der Welt, von der Transformation und der Abschaffung der Nationalstaaten überhaupt nichts mitbekommen. Sie ahnen nicht im geringsten, welchem teuflischen Machtapparat sie dienen. Sie sind Befehlsempfänger auf der Lohnliste der Hochfinanz und des Hochadels und sie werden auf Anordnung gegen jede soziale Bewegung vorgehen. Die bildungsfernen Unterschichten werden sich gegenseitig ausrotten.

Pierre Bourdieu aus dem Französischen übertragen von Andreas Pfeuffer.
 

Von Pierre Bourdieu 1998 erschienen
u.a. in "Die Zeit" am 22.Januar 1998

Die französische Bewegung der Arbeitslosen ist ein einmaliges Ereignis. Mehr noch : Es ist ein Präzedenzfall. Er verdankt sich einer neuen, kämpferischen Protestform, die mit allen gewerkschaftlichen und parteipolitischen Traditionen bricht. Endlich sind jene, die bislang von der Arbeitswelt wie auch vom gesellschaftlichen Diskurs ausgeschlossen waren, ins öffentliche Rampenlicht getreten. Alle einschlägigen wissenschaftlichen Forschungen, von den dreißiger Jahren bis heute, beweisen, daß die Menschen an der Arbeitslosigkeit zerbrechen. Doch jetzt haben die Arbeitslosen mobil gemacht. Sie haben sogar eine echte Bewegung auf die Beine gestellt. Sie haben das, was von der Wirtschaft am heftigsten verdrängt wird, zurück ins Zentrum der politischen Diskussion geholt. Sie erinnern daran, daß Massenarbeitslosigkeit eine untolerierbare Erpressung darstellt - in der Arbeitswelt, im Erziehungswesen, in den Medien. Und nicht nur dort. Massenarbeitslosigkeit unterdrückt. Sie unterdrückt durch eine Drohung, die auf allen Menschen lastet, die noch Arbeit haben. Arbeitslosigkeit heißt dauerhafte Erpressung. Besonders, wenn es sich um befristete oder unsichere Arbeitsverhältnisse handelt.
Anm.: Bei den deutschen ArbeitnehmerInnen ist davon bis Ende 2009 offensichtlich noch nichts angekommen.
Die Mobilisierung der Arbeitslosen ist ein soziologisches Wunder. Das Wunder verstößt gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, und die großzügige phantasievolle Aktion läßt hoffen, daß sie zum Exempel wird für eine große europäische Bewegung : Für die Auflehnung gegen einen wild gewordenen Kapitalismus, der sich unter Hinweis auf die vermeintlich ehernen Gesetze der neoliberalen Wirtschaft zu legitimieren sucht.
Ohne Zweifel befinden wir uns in einer Epoche neokonservativer Restauration. Doch anders als in früheren Zeiten verherrlicht sie nicht mehr Blut und Boden. Sie beruft sich nicht mehr auf agrarische und archaischeThemen oder eine idealisierte Vergangenheit. Die konservative Revolution neuen Typs suggeriert uns vielmehr, sie sei fortschrittlich, vernünftig, wissenschaftlich, in diesem Fall wirtschaftswissenschaftlich. Sie tut dies, um fortschrittliches Denken und Handeln als "archaisch" zu diskreditieren. Die neokonservative Restauration erklärt die realen Gesetzmäßigkeiten einer Wirtschaftswelt, die bloß nach ihrer eigenen Logik operiert, also nach dem sogenannten Gesetz des Marktes als dem Gesetz des Stärkeren, zur idealen Regel. Sie bestätigt und glorifiziert damit die Herrschaft der sogenannten Finanzmärkte, mithin jene Art Radikalkapitalismus, der als Gesetz nur den maximalen Profit kennt. Ich meine damit auch jenen ungeschminkten und ungebremsten Kapitalismus, der durch die Einführung moderner Herrschaftsformen wie Management und Manipulationstechniken - zum Beispiel Markterhebungen, Marketing und kommerzielle Werbung - rationalisiert und an die Grenzen seiner ökonomischen Effizienz getrieben wird.
Diese Revolution hat scheinbar keine Ähnlichkeit mehr mit der alten Schwarzwälder Pastorale der konservativen Revolutionäre aus den dreißiger Jahren. Vielmehr schmückt sie sich mit allen Insignien der Modernität. Und stammt sie nicht aus Chicago? Galilei erklärte, die Welt der Natur sei in der Sprache der Mathematik verfaßt ; heute will man uns glauben machen, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Welt erscheine in Gleichungen. Entsprechend wurde der Neoliberalismus, mit Mathematik und Medienmacht gewappnet, zur höchsten Form einer konservativen "Soziodizee", die sich schon seit dreißig Jahren ankündigt - unter dem Titel "Ende der Ideologien" und "Ende der Geschichte".
Doch das angebliche Ende der kritischen Utopien ist nichts anderes als wirtschaftswissenschaftlicher Fatalismus. Auf ihn trifft zu, was Ernst Bloch am Ökonomismus und am Fatalismus von Karl Marx kritisiert hat. "Derselbe Mann (Marx also), der allen Fetischcharakter aus dem Produktionsprozeß austrieb, der alle Irrationalitäten als lediglich undurchschaute, unbegriffene und daher schicksalhaft wirkende Dunkelheiten der Klassenlage, des Produktionsprozesses zu analysieren, zu exorzisieren glaubte, der allen Traum, alle wirkende Utopie, alles religiös umgehende Telos aus der Geschichte verbannte, treibt mit den 'Produktivkräften', mit dem Kalkül des 'Produktionsprozesses' (...) denselben Pantheismus, Mythizismus, vindiziert ihm dieselbe leitende Macht, die Hegel der 'Idee', ja auch Schopenhauer seinem alogischen 'Willen' unterlegt hatte." (Ernst Bloch: "Geist der Utopie", Zweite Fassung). Es ist genau dieser Fetischismus der Produktivkräfte, der sich heute paradoxerweise bei den Propheten des Neoliberalismus und bei den Hohepriestern von Geldstabilität und D-Mark wiederfindet.
Nun verkörpert der Neoliberalismus eine mächtige Wirtschaftstheorie, die durch ihre symbolische Kraft die Macht von wirtschaftlichen Realitäten steigert, deren Ausdruck sie eigentlich sein soll. Mehr noch: Die Wirtschaftstheorie des Neoliberalismus bestätigt jene Philosophie multinationaler Konzerne und ihrer Berater aus der Hochfinanz, die überall in der Welt von Politikern, hohen Beamten und Journalisten nachgebetet wird. So wird die neue Mathematik-Theologie gleichsam zu einem universellen Glauben, zu einem neuen ökumenischen Evangelium. Doch dieses Evangelium besteht aus einem Ensemble schlecht definierter Wörter - zum Beispiel Globalisierung, Flexibilität oder Deregulierung. Weil sie liberale, ja libertäre Konnotationen haben, können sie dazu beitragen, daß uns die konservative Ideologie vorkommt wie die Botschaft von Freiheit und Befreiung.
Tatsächlich kennt und anerkennt diese Philosophie kein anderes Ziel als die Schaffung von immer mehr Reichtum, der dann in den Händen einer kleinen Minderheit von Privilegierten konzentriert wird. Folglich bekämpft die neoliberale Philosophie mit allen Mitteln die Hindernisse, die sich ihr bei der Profitmaximierung in den Weg stellen. Zwar hüten sich die Anhänger des Laisser-faire, Thatcher oder Reagan und ihre Nachfolger, alles zu erlauben; doch um der Logik der Finanzmärkte dennoch freie Bahn zu verschaffen, führen sie Krieg gegen die Gewerkschaften, gegen die sozialen Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte, kurz: gegen die mit dem Sozialstaat verbundene Zivilisation.
Inzwischen läßt sich die neoliberale Politik an ihren Resultaten messen trotz der Verfälschungen, die auf statistischen Manipulationen und plumpen Fälschungen beruhen und vorspiegeln, die USA oder Großbritannien hätten die Vollbeschäftigung erreicht. Im Gegenteilt : Es herrscht Massenarbeitslosigkeit, es gibt ein Leben am Rande des Existenzminimums, ein Leben in andauernder Unsicherheit, sogar in der Mittelschicht. Es herrscht tiefe Mutlosigkeit, Grundsolidaritäten zerbrechen, besonders in der Familie mit allen Konsequenzen, die diese Anomie mit sich bringt, zum Beispiel Jugendkriminalität, Verbrechen, Drogen, Alkoholismus oder die Wiederkehr von Bewegungen mit faschistischem Habitus. Hinzu kommt, daß die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen für die einzigartigen kulturellen Errungenschaften der Menschheit zerstört werden. Die autonome Welt der Kultur, die durch Kämpfe und Opfer von Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern geschaffen wurde und seitdem stetig gewachsen ist, wird vom Markt bedroht. So durchdringt das Reich des Handels und des Kommerziellen die Literatur, besonders durch eine Konzentration im Verlagswesen, das dem Zwang zu unmittelbarem Profit immer direkter unterworfen wird. Beim Film läßt sich fragen, was in zehn Jahren vom Experimentalfilm noch übrig sein wird, wenn nichts geschieht, um Avantgardekünstlern Mittel zur Produktion und vor allem zur Distribution zu verschaffen. Von den Sozialwissenschaften, die dazu verdammt sind, sich den Aufträgen von Unternehmens- oder Staatsbürokratien zu unterwerfen oder an Geldmangel einzugehen, ganz zu schweigen.
Nun wird man mich fragen, was die Intellektuellen mit all dem zu tun haben. Gewiß werde ich nicht sämtliche Formen ihres Rückzugs oder ihrer Kollaboration aufzählen - die Liste würde zu lang und zu grausam. Erwähnen möchte ich nur die Diskussion um die sogenannten modernen oder postmodernen Philosophen, die sich mit scholastischen Spielen die Zeit vertreiben oder sich rhetorisch hinter "Vernunft" und "rationalem Dialog" verschanzen. Gerade die sogenannten postmodernen Intellektuellen unterbreiten eine "radical chic"-Variante vom Ende der Ideologien, verurteilen die großen Entwürfe oder denunzieren die Wissenschaft.
Wie soll man angesichts dieser Lage nicht in Depressionen verfallen? Wie läßt sich der "überlegte Utopismus", den Ernst Bloch mit Blick auf Bacon formulierte, neu beleben und mit gesellschaftlicher Durchsetzungskraft versehen? Und überhaupt, was ist darunter zu verstehen? Nun, weil Ernst Bloch großen Wert auf die Unterscheidung legte, die Marx zwischen "Soziologismus" als Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Gesetze - und "Utopismus" machte, kann er das Bild des "überlegten Utopikers" entwerfen. Der überlegte Utopiker ist ein Denker, der "auf Grund seiner (...) Witterung für die objektive Tendenz" ein "Real-Mögliches psychisch vorausnimmt". Sein rationaler Utopismus definiert sich gleichermaßen gegen "pures wishful thinking" wie gegen die "Irrlehre eines objektivistischen Automatismus, wonach die Widersprüche allein ausreichen, um die von ihnen durchsetzte Welt zu revolutionieren".
Gegen den Fatalismus der Bankiers, die uns einreden, die Welt könne nicht anders sein, als sie ist, müssen sich die Intellektuellen und all jene, die sich ernsthaft um das Glück der Menschheit sorgen, für ein wissenschaftlich untermauertes utopisches Denken stark machen. Es müßte in seinen Zielen mit objektiven Tendenzen vereinbar sein. Gemeinsam müssen die Intellektuellen an Analysen arbeiten, mit deren Hilfe realistische Projekte und Aktionen in Angriff genommen werden können, abgestimmt auf die Prozesse einer Ordnung, die sie verändern wollen.
Dieser theoretisch begründete Utopismus fehlt Europa wahrscheinlich am meisten. Allerdings, einem Europa, das uns das Bankiersdenken mit aller Kraft aufzwingen will, sollte nicht einfach eine nationalistische Ablehnung Europas entgegengesetzt werden, sondern eine fortschrittliche. Wer das Europa der Banken ablehnt, der lehnt ein Bankiersdenken ab, das unter dem Deckmantel des Neoliberalismus das Geld zum Maß aller Dinge macht. Und wenn der Profit zum einzigen Bewertungsprinzip, zum einzigen Maßstab in Erziehung und Kultur, Kunst oder Literatur wird, dann sind wir zu spießbürgerlicher Seichtheit verdammt in einer Zivilisation aus Einschaltquote, Bestseller oder Fernsehserie.
Der Widerstand gegen das Europa der Bankiers, überhaupt der Widerstand gegen ihre konservative Restauration kann nur auf europäischer Ebene organisiert werden. Er kann nur dann wahrhaft europäisch, also frei von nationalen und immer noch nationalistisch beeinflußten Interessen, Vorurteilen und Denkgewohnheiten sein, wenn er sich auf eine konzertierte Aktion von Intellektuellen in allen Ländern Europas stützt - und auch auf Gewerkschaften und Verbände aus allen Ländern Europas. Deshalb ist heute nicht die Erarbeitung gemeinsamer europäischer Programme am dringlichsten, sondern die Schaffung von Institutionen, in denen europäische Programme diskutiert und erarbeitet werden. Ich meine Parlamente, internationale Verbände, europäische Vereinigungen für Lastwagenfahrer, Verleger, Lehrer, aber auch Vereinigungen zum Schutz von Bäumen, Fischen, Pilzen, der Luft, der Kinder und so weiter und so fort.
Nun wird man mir entgegenhalten, all dies existiere bereits. Doch das glaube ich nicht, ganz im Gegenteil, man denke nur an den europäischen Gewerkschaftsbund. Was sich formiert, das ist eine europäische Internationale der Technokraten, und sie arbeitet mit einer gewissen Effizienz, gegen die ich im übrigen nichts einzuwenden habe.
Keinesfalls darf die Frage nach einer möglichen Rolle der Intellektuellen beim Aufbau einer europäischen Utopie nur abstrakt beantwortet werden. Die himmelschreienden Lücken beim Aufbau Europas betreffen vor allem vier Bereiche: den Sozialstaat und seine Aufgaben; die Vereinigung der Gewerkschaften; eine Angleichung und Modernisierung der Erziehungssysteme sowie die Verknüpfung von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Deshalb erarbeite ich derzeit - zusammen mit anderen Forschern aus verschiedenen europäischen Ländern - Organisationsstrukturen für vergleichende und ergänzende Forschungen. Nur so läßt sich ein "Utopismus" wissenschaftlich begründen; nur so können gesellschaftliche Hindernisse bei einer echten Europäisierung von Institutionen wie dem Staat, dem Erziehungssystem und den Gewerkschaften offen gelegt werden.

Vor allem liegt mir das vierte Projekt am Herzen, die Verknüpfung zwischen der Wirtschafts- und der sogenannten Sozialpolitik. Ich möchte erforschen, welche Auswirkungen und welche sozialen Folgekosten die Wirtschaftspolitik nach sich zieht. Deshalb müssen wir zu den Ursprüngen des "sozialen Elends" zurückgehen. Der Sozialwissenschaftler, der gewöhnlich nur gerufen wird, um das von Wirtschaftlern zerschlagene Geschirr zu kitten, könnte bei dieser Gelegenheit daran erinnern, daß die Soziologie auf jener politischen Entscheidungsebene eingreifen müßte, die immer häufiger Ökonomen überlassen wird. Die menschlichen Leiden, die durch neoliberale Politik verursacht werden (wie wir es in der Studie "Das Elend der Welt" beschrieben haben), müssen dargestellt und mit der Sozialpolitik der Unternehmen (Entlassungen, Art der Anstellungsverträge, Gehälter), ihren wirtschaftlichen Ergebnissen (Profite, Produktivität) und den typischen sozialen Indizien wie Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten, Alkoholismus, Drogenkonsum, Selbstmord, Vergehen und Verbrechen, Vergewaltigungen und ähnlichem in Beziehung gesetzt werden. Erst auf dieser Grundlage kann man die Frage nach den gesellschaftlichen Kosten wirtschaftlicher Gewalt stellen, und erst dann kann man das Fundament zu einer Ökonomie des Glücks legen. Es wäre eine Ökonomie, die endlich berücksichtigen würde, was Wirtschaftsführer und -wissenschaftler bei ihren phantastischen Berechnungen alles außer acht lassen - Berechnungen, auf deren Basis uns die Politiker regieren wollen.
 
Pierre Bourdieu - so far , so good !
Rest in Peace - Pierre Bourdieu !


Niemand aus den bildungsfernen Schichten kennt Pierre Bourdieu oder einen seiner großen Kollegen. Geschweige, dass irgendjemand jemals verstanden hätte, wovon sie eigentlich reden.
Eine "Bewußtwerdung" der breiten Massen, der Mittelschicht und Unterschicht, der Arbeiter- und Angestelltenklasse, hat nie stattgefunden und wird von den Medien der Obrigkeit mit Macht verhindert. Um es mit Jean Baudrillard´s Worten zu sagen: Die Aussagen der Medien und Meinungsmacher entfernen sich immer weiter von der Wahrheit und ermöglichen so die Verführung der Konsumenten. Die bildungsfernen breiten Massen leben in einem Raum permanenter Simulation von Realität, die in der Auflösung alles Greifbaren - Referentiellen - endet. Eine Zivilgesellschaft, die in einer simulierten, mediengemachten Realität lebt, ist für "Bewußtwerdung" nicht greifbar. Pierre Bourdieu und gleichgesinnte Kollegen appellieren an einen "Wachkomapatienten", der in seinem "simulierten Paralleluniversum" vielleicht etwas wahrnimmt aber völlig handlungsunfähig ist. In dem Raum zwischen simulierter Realität und Realität agieren die Lobbyisten, Demagogen, Intreganten und Medien der Hochfinanz und des Hochadels und speisen den Tropf des "Wachkomapatienten Zivilgesellschaft" mit den Drogen des Raubtierkapitalismus. Giorgio Agamben nähert sich seinen Themen genealogisch. Die Mächtigen versuchen seit der Antike  das Individuum in seinen Lebensräumen unter Kontrolle zu bekommen. Als Paradigmen gelten ihm die Konzentrationslager, die Inhaftierung von Asylanten und Guantánamo Bay. Durch solche Ein- und Ausschließungen erzeugt die Gesellschaft laufend Ausnahmezustände und ist in ihrer Reaktion auf den Terrorismus immer mehr in Gefahr, diese Strukturen auf die allgemeinen Lebensverhältnisse zu übertragen. Die Gesellschaft ist im Übergang von der parlamentarischen Demokratie zu einer von der Regierung geprägten Republik. Im Zuge der Globalisierung und Umstrukturierung der Welt, verbunden mit der Abschaffung der Nationalstaaten, übernimmt die Wirtschaft - die Hochfinanz und der Hochadel - die Regierung der Welt und die Politiker in den noch bestehenden Nationalstaaten werden zu Verwaltern der neuen Weltordnung - der NEW WORLD ORDER.
Pierre Bourdieu mahnt im Zuge der Europäisierung und Globalisierung eine europäische und eine globale Sozialbewegung an. Das würde bedeuten, das sozialschwache Schichten sich solidarisieren. Sozialschwache Schichten sind bildungsferne Schichten. Bourdieu meint, daß Wissenschaftler den bildungsfernen Unterschichten helfen könnten, sich zu organisieren. Das ist in meinen Augen paradox. Welcher Wissenschaftler sollte da ein Interesse dran haben ? Jeremy Rifkin hat das "Ende der Arbeit" beschrieben und jetzt soll es wieder heißen "Arbeiter aller Länder vereinigt euch"??? Der Hochadel und die Hochfinanz haben Wissenschaftler Jahrzehnte lang erforschen lassen, wie das zu verhindern geht und sie haben die Forschungsergebnisse sehr erfolgreich über ihre Medien eingesetzt.
Warum sollte ein Wissenschaftler jetzt auf einmal genau das Gegenteil tun ?
Aber mal angenommen, das würde passieren und es würde gelingen eine europäische und globale Sozialbewegung aufzubauen.
Es würde auch auf einen bewaffneten Kampf hinauslaufen, weil die Hochfinanz und der Hochadel in ihren Macht- und Herrschaftsansprüchen so arrogant, brutal und gnadenlos sind, das sie die absolute Macht und Herrschaft anstreben und gar nicht bereit sind, um irgendwas zu verhandeln.
Die Unterschichten sollen sich mit dem begnügen, was die Herrschaft ihnen zubilligt. Wenn dieser Kampf ausgefochten ist, dann hat sich das Problem der Überbevölkerung erledigt, dann ist der Klimawandel kein Thema mehr, dann sind die Master, Bachelors und Dipl.-Ingenieure die Billiglohnarbeiter der Obrigkeit - ohne soziale Ansprüche.

 
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